„Prophet Mohammed reagierte besonnen auf Schmähungen“

Das Entsetzen unter den Muslimen in Deutschland ist groß. Fassungslos schauen sie auf das, was derzeit in Sudan, Libyen, Jemen, Ägypten, Tunesien und Libanon im Namen ihres Glaubens geschieht.

Freitagspredigten der DITIB Freitagspredigten der DITIB

In der sudanesischen Hauptstadt Khartum stürmten aufgebrachte Demonstranten die deutsche Botschaft, hissten die islamische Flagge und legten vor dem Haupttor Feuer. In den Tagen zuvor waren in Libyen vier US-Diplomaten getötet worden.

Auslöser der Gewalt in den arabischen Ländern ist ein auf YouTube verbreiteter Film-Trailer mit dem Titel „Innocence of Muslims“, hinter dem offenbar ein radikaler koptischer Christ aus Kalifornien steckt.

Im Gespräch mit der „Welt“ sagt Ali Kizilkaya, Vorsitzender des Islamrats: „Was dort geschieht, ist mir völlig unverständlich. Ich begreife auch nicht, was damit bezweckt wird. Dafür gibt es keinerlei religiöse Begründung.“ Der einzige Trost seien für in diesem Zusammenhang jene muslimischen Autoritäten in Ägypten, die während der jüngsten Proteste zur Besonnenheit gemahnt hätten.

„Das Video ist zwar eindeutig beleidigend“, sagt Kizilkaya. „Aber dieser Umstand rechtfertig keinerlei Gewalt. Wer Kritik wegen eines Films üben will, der soll friedlich demonstrieren. Gewalt ist kein Mittel des Meinungsstreits, Gewalt schadet dem Islam.“

Sichtlich betroffen vom Angriff auf die deutsche Botschaft in Karthum sagt der Vorsitzende des Zentralrats der Muslime in Deutschland, Aiman Mazyek, der „Welt“, er fordere die Muslime im Sudan auf, „die Integrität der deutschen Botschaft sofort wiederherzustellen.“ Mazyek erinnert daran, dass der Gast eine besondere Stellung im Islam einnehme. „Botschaften genießen dieses islamische Gastrecht, das von den Botschaftsstürmern regelrecht mit Füßen getreten wird“, sagt er.

In der Tat ist das religiöse Leben der Muslime in Deutschland Ausdruck eines völlig anderen Islamverständnisses. In den Moschee der DITIB, der „der Türkisch Islamischen Union der Anstalt für Religion“, predigen die Imame an diesem Freitag die „Toleranz im Islam“.

In der aktuellen Predigt heißt es, der Islam nehme „jeden Muslim (…) in die Verantwortung für seine Taten“. Es sei die Pflicht jedes Gläubigen, „die Rechte der anderen zu achten und zu wahren. Allen voran gehört hierzu das Grundrecht auf Leben und nachfolgend die Meinungs- und Glaubensfreiheit.“

Und wörtlich: „Aufruhr, Spannungen, Streitigkeiten, Verleumdung und Vorurteile in der Gesellschaft sind für den Koran in diesem Rahmen schlimmer und schädlicher noch, als ein Krieg.“ Die Propheten und Gesandten seien „in der jeweiligen Gesellschaft, in der sie gelebt und gewirkt haben, mit ihrem Verhalten als Vorbilder für Toleranz“ vorangegangen.

So interpretiert auch Mazyek seinen Glauben. „Der Prophet hat zu Lebzeiten immer mit Besonnenheit und Geduld auf Schmähungen und Provokationen reagiert. So sollten die Muslime heute auch auf das schlecht gemachte Schmuddelvideo reagieren“, sagt er. Für die Ausschreitungen in den arabischen Ländern gebe es keinerlei religiöse Rechtfertigung.

Mutmaßlich sei das Video von „Hardlinern“ instrumentalisiert worden, um Hass zu schüren. Mazyek warnt in diesem Zusammenhang vor einer „unheiligen Allianz“ von islamistischen und rechtsextremistischen Extremisten. „Wir haben gehört, dass Rechtsextremisten das Video auch in Deutschland zeigen wollen“, sagt er.

Mit den Ausschreitungen hätten die Demonstranten der gerade erst begonnenen Liberalisierung der arabischen Gesellschaften geschadet. „Verlierer dieser Aktionen ist die Freiheit. Die Gewalt ist ein Rückschritt auf dem Weg der Demokratisierung.“ Leider sei zu vermuten, dass der Urheber des Videos gewusst habe, was er damit anrichte.

Veröffentlicht in „Die Welt

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Über Günther Lachmann

Günther Lachmann ist Journalist, Autor und strategischer Berater der Thüringer AfD-Fraktion. In seinen Beiträgen befasst er sich unter anderem mit dem Wandel des demokratischen Kapitalismus. Er veröffentlichte mehrere Bücher, zuletzt gemeinsam mit Ralf Georg Reuth die Biografie über Angela Merkels Zeit in der DDR: "Das erste Leben der Angela M." Kontakt: Webseite | Twitter | Weitere Artikel