Nicht nur Merkel, das gesamte Politik-Personal ist das Problem

Nun ist da dieses Buch. „Die Patin“ heißt es und rechnet mit der Politik Angela Merkels ab. Geschrieben hat es Literaturwissenschaftlerin Gertrud Höhler. Am Sonntagabend war sie Gast bei Günther Jauch, und sie konnte einem wirklich leidtun. Da saß also diese an der Kanzlerin leidende Höhler, die sich auf 280 Seiten ihren Frust von der Seele geschrieben hat,  neben einem politisch mehr als ahnungslosen Moderator und mit von Ursula der Leyen und Lothar de Maizière zwei Merkel-Getreuen gegenüber, die jeden noch so sachlichen Gesprächsversuch in plattesten Rechtfertigungen erstickten. Aber ihnen war der Applaus des Publikums sicher.

Darüber mag sich so mancher gewundert haben, denn Höhler schreibt viel Richtiges. Die Parlamente werden entmachtet, die Parteien immer weniger unterscheidbar, und das autoritäre Durchregieren der Kanzlerin etwa in der Atom- und Europapolitik ist unbestreitbar.

Dennoch mögen die Deutschen ihre Kanzlerin. Jauch präsentierte von der ARD selbst erstellte Meinungsumfragen, die das Vertrauen der Deutschen in Merkel dokumentierten und Frau Höhler in der Sendung als durchgeknallte Merkel-Gegnerin aussehen ließen – und dies wohl auch sollten.

Leider trug Gertrud Höhler zu diesem Eindruck selbst entscheidend bei. Denn ihr Buch verengt den Blick zu sehr. Es lastet quasi alle Probleme Deutschlands und Europas einer einzigen Frau an. So etwas provoziert im Publikum zwangsläufig den Beistands-Reflex, der wiederum den Blick auf die Realität noch weiter verzerrt.

Was die Bedeutung Merkels für die vielen zu Recht aufgezeigten katastrophalen Entwicklungen angeht, macht Gertrud Höhler tatsächlich einen Fehler. Nicht allein Angela Merkel ist das Problem, das Problem sind auch jene, die vor ihr zurückweichen, die aus der Politik ausscheiden und diejenigen, die ihre Politik in der Partei und in den Parlamenten sanktionieren!

Was waren denn das für Gestalten, die sich angeblich von Merkel aus dem Weg räumen ließen? Aufgeblasene Typen waren das, karrieregeil und eitel bis weit über die Schmerzgrenze hinaus. Und wenn es ernst wurde, eierten sie rum und fügten sich am Ende feige dem Wort der Parteichefin.

Nein, Friedrich Merz, Roland Koch oder zuletzt Norbert Röttgen wurden nicht von Angela Merkel aus dem Weg geräumt, sie sind an ihrer heillosen Selbstüberschätzung und der beharrlichen Weigerung der Christdemokraten gescheitert, solchen Aufschneidern folgen zu wollen.

Die Parteimitglieder entschieden sich lieber für das genaue Gegenteil. Und die Wähler taten es ihnen gleich. Warum sollten sie heute etwa den Sozialdemokraten Sigmar Gabriel wählen, der bestenfalls von seiner eigenen Bedeutung überzeugt ist? Warum sollten sie Merkel gegen SPD-Fraktionschef Frank-Walter Steinmeier eintauschen, der ihnen Hartz IV beschert hat und Europa zur Schuldenunion machen möchte? Was sollen sie mit einem Peer Steinbrück, der zwar große Töne spuckt, aber als Ministerpräsident nicht einmal Nordrhein-Westfalen retten konnte? Und von den Grünen wollen wir gar nicht erst reden.

Die Menschen entscheiden sich für Angela Merkel, weil sie genau das Gegenteil von allen ist. Sie ist uneitel, zurückgenommen, beherrscht und in der Lage zuzuhören.  Das ist nicht viel, aber gegen das restliche versammelte politische Personal genügt es. Das ist wahrlich nicht viel, aber gegen das restliche versammelte politische Personal reicht es offenbar aus, um die Wähler für sich zu gewinnen.

Und das ist das eigentliche Drama Deutschlands und Europas, das Höhler hätte thematisieren sollen.

Veröffentlicht am 27. August 2012 auf Welt Online

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Über Günther Lachmann

Günther Lachmann ist Journalist, Autor und strategischer Berater der Thüringer AfD-Fraktion. In seinen Beiträgen befasst er sich unter anderem mit dem Wandel des demokratischen Kapitalismus. Er veröffentlichte mehrere Bücher, zuletzt gemeinsam mit Ralf Georg Reuth die Biografie über Angela Merkels Zeit in der DDR: "Das erste Leben der Angela M." Kontakt: Webseite | Twitter | Weitere Artikel