Europa steuert im Herbst geradewegs ins Fiasko

HIer geht's zur Website von Harper Petersen & Co.

In diesen Tagen wird über vieles geredet, leider ab kaum über das, was demnächst auf die Menschen zukommt. Die Politik diskutiert über den Rentenbeitragssatz, sie erregt sich über ein NPD-Verbot oder auch über einen Islamisten, der die Dauerbaustelle des neuen Berliner Flughafens BER bewacht. Nur über diesen Herbst spricht niemand.

Dabei sind seine Vorboten bereits unübersehbar. Da sind etwa die Umschlagszahlen im Hamburger Hafen. Kaum jemand nahm Notiz davon, dabei sind sie ein Alarmsignal. Weil der Welthandel einbricht, korrigiert die Hafengesellschaft ihre Wachstumserwartungen von 6 auf 2 bis 3 Prozent deutlich nach unten. Im vergangenen Jahr wuchs der Umschlag im größten deutschen Seehafen noch um neun Prozent. Über 100 deutsche Containerfonds seien wegen der Krise im weltweiten Containerhandel bereits geschlossen worden, schreibt der britische „Telegraph“.

Doch es trifft nicht nur die Deutschen. In ganz Europa leiden die großen Häfen unter den durch die einbrechende Weltwirtschaft rückläufigen Containerzahlen. Die Importe aus Nordamerika sanken um 7,5 Prozent, die aus Asien sogar um 9 Prozent. Wegen der Rezessionen in Griechenland, Spanien und Portugal stürzten die Lieferungen in den Mittelmeerraum um sage und schreibe 16 Prozent ab. In Großbritannien führte diese Marktlage zu einem besonders traurigen Ereignis. Mit der Insolvenz der 1730 gegründeten Traditionsreederei Clark Stephenson schlossen die Briten in der vergangen Woche das letzte Kapitel ihrer industriellen Revolution.

Am deutlichsten spiegelt vielleicht der „HARPEX“ die Lage wider. Der Index der Hamburger Schiffsmakler „Harper Petersen & Co“ misst die Nachfrage an Containertransporten und damit das Volumen des Welthandels der Gegenwart. Seit Wochen steuert auf das bisherige 5-Jahres-Tief Anfang 2010 zu.

Daran wird sich wohl in absehbarer Zeit nichts ändern, denn auch der Baltic-Dry-Index für den weltweiten Handel mit Rohstoffen segelt bereits wieder nah am Tiefststand vor der Weltwirtschaftskrise 2008. Der Baltic-Dry ist ein guter Frühindikator für konjunkturelle Änderungen. Er sinkt seit Monaten kontinuierlich. Die Gründe liegen auf der Hand: Weil die Auftragsbücher der Industrie leer sind, kaufen die Produktionsbetriebe keine Rohstoffe.

Chinas Führung warnt die eigene Bevölkerung von einer länger anhaltenden Konjunkturflaute. Der einstige Motor der Weltkonjunktur kommt nicht wieder in Gang. Nicht nur das Wallstreet Journal stellt sich die bange Frage: „Wann greift China seiner Wirtschaft unter die Arme?“ Die Weltwirtschaft bricht weg, daran ändern auch die wenigen positiven Meldungen der US-Automobilindustrie nichts. Und schon gar nicht der kurzzeitige Höhenflug des DAX.

Was bedeutet all das für die Menschen Europas? Ihre wirtschaftliche und soziale Lage wird sich nochmals verschlechtern. Auch Deutschland wird schwächer werden. Gleichzeitig verschärfen sich die politischen Spannungen zwischen den großen Akteuren, Deutschland, Frankreich und Italien. Denn in Italien verstetigt sich der wirtschaftliche Niedergang bereits ebenso wie in Spanien und Portugal. Frankreich bekommt seine Schulden nicht in den Griff und muss mit weiteren Abwertungen durch die Ratingagenturen rechnen. Damit gerät es ebenfalls in den Teufelskreis aus Schulden, Abwertung und steigenden Rekapitalisierungskosten, die wiederum zu weiteren Schulden führen.

Griechenland wird schon in den kommenden Wochen ein weiteres milliardenschweres Hilfspaket benötigen. Spanien wird folgen. Europa ächzt unter einer Rekordarbeitslosigkeit, und die drakonische Sparvorgaben der Europäischen Union beschleunigen den wirtschaftlichen Niedergang inzwischen nicht mehr nur in den Mittelmeerländern auf beängstigende Art und Weise.

Klammheimlich hat die Europäische Zentralbank wieder damit begonnen, Anleihen zu kaufen. Sie wird so lange weiterkaufen, bis der Europäische Stabilitätsmechanismus (ESM) Milliarden in die Schuldenländer pumpen kann. Kaum jemand zweifelt daran, dass die Gerichte den Weg dafür frei machen, damit Banker und Politiker auf Teufel komm raus Geld drucken können.

Wenn aber die Wirtschaftsdaten auch in den großen Ländern mehr und mehr auf das Niveau der Krisenstaaten am Mittelmeer sinken, schrumpft die Gruppe derer, die für diese Summen haften kann. Bereits heute gehen seriöse Rechnungen davon aus, dass Spanien und Italien dazu nicht mehr in der Lage sind. Und hinter Frankreich steht wegen seiner immensen Staatsverschuldung, den vielen faulen Papieren in den Bankbilanzen und seiner fragilen Ökonomie ein dickes Fragezeichen.

Selbst die SPD geht inzwischen davon aus, dass Deutschland für über eine Billion Euro einstehen muss. Tatsächlich dürfte es bereits mehr sein. Der Berliner Wirtschaftsanwalt Markus Kerber erwartet einen Anstieg der deutschen Staatsverschuldung durch die Kosten der Krise von heute zwei Billionen auf 3,7 Billionen Euro. Spätestens dann steckt auch Deutschland drin in diesem  Teufelskreis, und es gibt niemanden mehr, der diese Zeche bezahlen kann.

Europa steuert also geradewegs auf ein Fiasko zu, über dessen Ausgang sich niemand Illusionen machen sollte.

 

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Über Günther Lachmann

Günther Lachmann ist Journalist, Autor und strategischer Berater der Thüringer AfD-Fraktion. In seinen Beiträgen befasst er sich unter anderem mit dem Wandel des demokratischen Kapitalismus. Er veröffentlichte mehrere Bücher, zuletzt gemeinsam mit Ralf Georg Reuth die Biografie über Angela Merkels Zeit in der DDR: "Das erste Leben der Angela M." Kontakt: Webseite | Twitter | Weitere Artikel