Revolutionäre wollten deutsches Schiff versenken

Hier geht's zum Welt-ArtikelDie E-Mail schlug ein wie eine Bombe. Bis zu diesem Zeitpunkt war es für die „Atlantic Cruiser“ eine Reise wie jede andere gewesen. Jetzt befand sie sich im Ausnahmezustand. Absender der Nachricht, die auf den Rechnern der Reederei Bockstiegel in Emden auflief, war eine syrische Oppositionsgruppe. Ihre Name: „One Syriansea“. In der Betreffzeile der Mail stand in wenigen Worten die tödliche Drohung: „Die M/V „Atlantic Cruiser“ wird zerstört sein, noch bevor sie den Hafen von Tartous anläuft.“

Das war am vergangenen Freitag. Seither ist die „Atlantic Cruiser“ Teil eines Bürgerkrieges. Angeblich soll sie Waffen für das syrische Militär an Bord haben. Damit würden das Schiff, seine Reeder und die potenziellen Waffenlieferanten gegen das von den EU-Staaten gegen das Regime von Präsident Baschar al-Assad verhängte Embargo verstoßen.

Tagelang irrte der Frachter auf hoher See. Inzwischen liegt er im türkischen Hafen Iskenderun. Medien berichten, die „Atlantic Cruiser“ habe „eine unbestimmte Menge an Munition und Sprengstoff“ geladen. Dies sei das Ergebnis einer ersten Voruntersuchung der türkischen Sicherheitsbehörden. Eine offizielle Bestätigung hierfür gibt es nicht.

„Wir haben keine Munition an Bord“, sagt Reeder Werner Bockstiegel gegenüber „Welt Online“. „Was da geortet wurde, sind seismografische Sprengkapseln, wie sie für die Suche nach Öl- und Gasvorkommen in Gestein verwendet werden.“ Diese Sprengkapseln seien Teil einer in einer 31 Tonnen schweren IMO-Ladung und besäßen auch Zünder. „Nur so ist der Befund der türkischen Voruntersuchung zu erklären“, sagt der Reeder.

Bockstiegel weist auch den Vorwurf zurück, sein Schiff sei zeitweise vom Radar verschwunden gewesen: „Ich kann die Position des Schiffes zu jedem Zeitpunkt der Reise nachweisen.“ Tagelang habe er um seine Besatzung gebangt. „Ich hoffe, dass der Spuk nun bald ein Ende hat“, sagt er.

Alles begann mit der Furcht einflößenden Mail, die „Welt Online“ vorliegt. „Achtung, Achtung, Achtung“, ist sie überschrieben. „Dies ist die syrische revolutionäre Marine. Unser Geheimdienst hat kritische Informationen gesammelt. Danach wird Ihr Schiff den syrischen Hafen von Tartous anlaufen, um dort Waffen und Munition zu entladen, mit denen das kriminelle Assad-Regime unsere Leute töten will. Wir werden das verhindern, selbst wenn wir dafür unsere Seelen opfern müssen.“ Und weiter: „Im Namen der Humanität bitten wir ihr Management, das Schiff ein anderes Land ansteuern zu lassen und die Waffen unabhängigen Behörden auszuhändigen, sonst werden wir das Schiff angreifen und versenken.“

„Wir haben das Schiff, das aus Dschibuti kommend Kurs auf Tartous genommen hatte, sofort gestoppt“ sagt Bockstiegel. „Unsere Versicherung sagte, die Oppositionsgruppe sei echt, die Warnung als ernst zu nehmen. Und der Versicherungsschutz erlösche sofort, wenn das Schiff wie vorgesehen Syrien anlaufe.“ Also blieb nur die Flucht in internationale Gewässer.

Während die Reederei das Bundeswirtschaftsministerium in Berlin über den Fall informierte, wurde auch die zypriotische Marine auf die ziellos umherirrende „Atlantic Cruiser“ aufmerksam. Am Sonntagnachmittag nahmen sie Kontakt mit der Reederei auf und baten um Klärung. „Nach Rücksprache mit Berlin erbaten wir dann am Montag bei den türkischen Behörden die Genehmigung, in den Hafen von Iskenderun einlaufen zu können“, sagt Bockstiegel. Auch für Iskerun habe die „Atlantic Cruiser“ Fracht an Bord. „Stückgut“ sagt der Reeder. „Zivile Fracht.“

Doch erst am Dienstagband gegen 20 Uhr bekamen sie die Erlaubnis, am nächsten Morgen in türkische Hoheitsgewässer einlaufen zu können. Gegen acht Uhr, so Bockstiegel, habe der Frachten dann vor Iskenderun geankert. Am späten Nachmittag durfte es dann im Hafen festmachen.

„Wir sind also weder aufgebracht worden oder sonst irgendetwas“, sagt Bockstiegel. „wir haben im Gegenteil großes Interesse daran, dass das Missverständnis endlich aufgeklärt wird.“

Zu seiner Mannschaft an Bord der „Atlantic Cruiser“ habe er volles Vertrauen. Mit den sieben ukrainischen Offizieren und sechs philippinischen Seeleuten arbeite die Reederei schon lange zusammen. Auch mit der ukrainischen Firma, die das Schiff für diese Reise gechartert habe, stehe die Reederei bereits in einem jahrelangen Geschäftskontakt. „Unser Kapitän hat mir versichert, dass es zu keinen Unregelmäßigkeiten gekommen ist“, sagt Bockstiegel, für den jeder Tag, den das Schiff verliert, einen Verlust von 7000 Dollar bedeutet.

Heute hätten der türkische Zoll und die Polizei erstmals die Luken des Schiffes geöffnet. Die Untersuchung der Ladung beginne also erst. Wann die „Atlantic Cruiser“ wieder Kurs auf die Normalität des Alltags nehmen kann, ist also noch völlig unklar.

Günther Lachmann am 19. April 2012 für Welt Online

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Über Günther Lachmann

Günther Lachmann ist Journalist, Autor und strategischer Berater der Thüringer AfD-Fraktion. In seinen Beiträgen befasst er sich unter anderem mit dem Wandel des demokratischen Kapitalismus. Er veröffentlichte mehrere Bücher, zuletzt gemeinsam mit Ralf Georg Reuth die Biografie über Angela Merkels Zeit in der DDR: "Das erste Leben der Angela M." Kontakt: Webseite | Twitter | Weitere Artikel