Banken mieten Hotelsafes für italienisches Kapital

Hier geht's zum Befera-Interview auf  "la Repubblica"Seit dem Machtwechsel von Silvio Berlusconi auf den früheren Goldman-Sachs-Banker Mario Monti hat sich in Italien einiges verändert. Das zumindest behauptet der Direktor der italienischen Steuerbehörden, Attilio Befera. Wer aber nun glaubt, die Italiener, vor allem die Wohlhabenden, hätten neues Vertrauen in ihr Land gefasst und seien bereit, ihren Anteil zum Konsolidierungsprozess beizutragen, der wird von Beferas Ausführungen enttäuscht sein. Denn wenn er recht hat, ist genau das Gegenteil der Fall.

Mehr als 11 Milliarden sollen im letzten Vierteljahr aus dem Land in die Schweiz geschafft worden sein, sagte er in einem Interview mit der Zeitung „La Repubblica“. Mit dem Regierungswechsel und Montis Ankündigung, hart gegen Steuerflüchtige vorzugehen, habe die Kapitalflucht zugenommen. „Es gibt eine Massenflucht von Kapital in die Schweiz“, sagt Befera.

Es sei allerdings auch nicht leicht, mit den gewachsenen Verhältnissen in Italien aufzuräumen. In Italien gebe es kein ausgeprägtes Pflichtbewusstsein dafür, korrekt seine Steuern zu zahlen, bei den Bürgern ebenso wie bei den Unternehmen. Steuerhinterziehung habe „das gesamte wirtschaftliche und soziale System infiziert“. Nun, da die Ungleichheit im Land zunehme „wird der Kampf gegen diese Geißel zu einer entscheidenden Waffe“, so Befera.

Allein in den letzten drei Monaten des vergangenen sei der Kapitalexport über die Grenze zur Schweiz um mehr als 50 Prozent gewachsen. Doch nicht nur Bargeld werde über die Grenze geschafft, sondern auch Gold. Der Export von Goldbarren sei um etwa 30 bis 40 Prozent angestiegen.

Befera sieht sich inzwischen im „Krieg“ mit dem großen Heer von Steuerhinterziehern. Überall lauerten seine Feinde, sagt er. Sogar in den Parlamenten.

Auf der anderen Seite der Grenze hätten die Schweizer mit den vielen Euros und Goldbarren aus Italien allerdings ganz andere Probleme. „Einige Schweizer Banken haben begonnen, Schließfächer der großen Hotels zu mieten, weil sie nicht mehr in der Lage sind, die abnorme Menge an Anfragen von Kunden aus Italien zu erfüllen“, sagt der oberste italienische Steuerfahnder.

Diese Meldung interessierte auch die Schweizer Medien. Der „Tagesanzeiger“ ging ihr nach und schrieb nun: „Diese Aussage konnte auf Anfrage von Tagesanzeiger.ch/Newsnet weder von verschiedenen Banken noch Hotels bestätigt werden.“  Hat Befera also nur geflunkert, oder halten sich die Hotels und Banken an die weltweit geschätzte Schweizer Diskretion?

Auch die Griechen klagten über massive Kapitalabflüsse, nachdem der frühere Regierungschef Giorgos Papandreou durchgreifende Reformen und vor allem scharfe Steuergesetze angekündigt hatte. Und wo sollten die reichen Griechen mit ihrem Geld wohl geblieben sein?

Während jedenfalls die wohlhabenden Griechen und Italiener ihren Reichtum in Sicherheit bringen, dürsten die Banken dieser Länder nach neuen Finanzspritzen. Als die Europäische Zentralbank (EZB) im vergangenen Dezember 500 Milliarden Euro in die Märkte flutete, sollen sich nach Informationen der Nachrichtenagentur Reuters vor allem italienische Banken mit Geld versorgt haben, darunter auch der Marktführer Unicredit.  Und wenn die EZB am 29. Februar erneut die Schleusen öffnet und diesmal vielleicht sogar die utopische Summe von einer Billion Euro ausgibt, wollen die Italiener angeblich noch einmal zugreifen.

Über solche Geldflüsse staunt nicht nur der deutsche Steuerzahler. Aus den Worten des Wirtschafts-Bloggers Michail Chasin spricht die russische Sicht der Dinge: „Europa druckte über 700 Milliarden Euro an einem Tag! Und unsere Oligarchen mussten titanische Anstrengungen unternehmen, um durch Morde, Raubzüge und Gesetzesbruch in 20 Jahren 200 Milliarden Dollar zu stehlen!“  Er will wohl sagen, dass wir gerade lernen, in anderen Kategorien zu denken.

Günther Lachmann am 2. Februar 2012

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Über Günther Lachmann

Günther Lachmann ist Journalist, Autor und strategischer Berater der Thüringer AfD-Fraktion. In seinen Beiträgen befasst er sich unter anderem mit dem Wandel des demokratischen Kapitalismus. Er veröffentlichte mehrere Bücher, zuletzt gemeinsam mit Ralf Georg Reuth die Biografie über Angela Merkels Zeit in der DDR: "Das erste Leben der Angela M." Kontakt: Webseite | Twitter | Weitere Artikel