Den Costa-Kapitän richtet man, die anderen bekommen Boni

Hier geht`s zum Interview mit Kapitän Francesco Schettino auf YoutubeWer Joseph Conrad gelesen hat, wird unwillkürlich an „Lord Jim“ erinnert, jenen jungen Seemann, der sich selbst für Großes geschaffen sah und dann doch im Moment vermeintlich größter Not die mit muslimischen Pilgern voll besetzte „Patna“ im Stich lässt, um sein eigenes Leben zu retten. Der „Lord Jim“ dieser Tage ist Francesco Schettino, der als Feigling in die Geschichte der Seeschifffahrt eingehen wird. Wann immer in irgendeinem Hafen der Welt ein Seemann die Geschichte der Havarie der „Costa Concordia“ zum Besten gibt, wird Schettino, Sohn einer italienischen Reeder-Dynastie, darin die leibhaftige Schande der Weltmeere verkörpern.

Wäre er doch nur Manager geworden! Niemand hätte an seinem Verhalten ernsthaft Anstoß genommen. Aber wir wollen hier nicht vorgreifen.
Bleiben wir beim Seemann Schettino, der nun im Gefängnis sitzt und mit schwersten Vorwürfen konfrontiert wird. Unter der Führung des 52 Jahre alten Kapitäns lief das Kreuzfahrtschiff mit 4000 Passagieren an Bord nur wenige Meter von der Hafeneinfahrt der Isola del Giglio entfernt auf einen Felsen. Der 112.000 Tonnen schwere Luxus-Liner fuhr angeblich nur deshalb so nah an die Küste heran, weil der Schiffs-Angestellte Antonello Tievoli seine Eltern grüßen sollte. Kurz vor dem Unglück habe Schettino seinen Restaurantleiter aufgefordert, Tievolis Eltern anzurufen, berichtet die Zeitung „Il Terreno“. „Ruf deine Familie an. Sag ihnen, dass wir in Kürze bei ihnen vorbeifahren“, soll Schettino gesagt haben.
Das muss gegen 22 Uhr gewesen sein. Minuten später lief die „Costa Concordia“ auf den Granit-Felsen. Eben noch stand der Kapitän mit dem nach hinten gegeelten, lockigem Haar selbstbewusst auf der Brücke. Ein Mann, der aus seinen Stolz über sein Aussehen und seinen Beruf kein Geheimnis machte. Jetzt aber, da es mächtig rummste, fuhr ihm ein teuflischer Schrecken in die Glieder. Die nackte Angst packte ihn. An Bord brach Panik aus. Jeder rannte um sein Leben. Und bald wohl auch der Kapitän. Schon um 23.30 Uhr, wollen italienische Zeitungen wissen, also etwa sechs Stunden vor den letzten Passagieren, habe er in eine Decke gewickelt in einem Rettungsboot gesessen, das ihn an Land brachte.
Was auch immer in den kommenden Wochen herauskommen mag – so werden die Seeleute die Geschichte des Francesco Schettino in Erinnerung behalten. Es ist die Geschichte des moralischen Bankrotts. Ein Mann, dem 4000 Reisende, eine Mannschaft und ein Schiff anvertraut worden waren, kennt in der Stunde der Not nur noch sich selbst. Er nimmt den Tod Tausender Menschen und den Totalverlust eins Luxus-Liners in Kauf. Am Ende ist ihm nichts mehr heilig außer seinem eigenen Leben.
Als Kapitän wird er dafür verachtet. Vermutlich wird er sich selbst dafür verachten. Und niemals wird er diese moralische Schuld hinter sich lassen können, selbst wenn er, wie „Lord Jim“ im gleichnamigen Roman, bis in den entferntesten Winkel dieser Erde flüchtet. Und wo immer Menschen von dieser Geschichte erfahren, werden sie über ihn dasselbe vernichtende Urteil fällen.

Die Geschichte des Francesco Schettino sagt zusätzlich zu ihrer moralischen Dimension aber auch viel aus über das Verständnis von Führungsverantwortung und lenkt den Blick auf andere Berufsgruppen, an die durchaus vergleichbare Anforderungen gestellt werden. Dabei fällt auf, dass dort Verantwortung nach anderen Maßstäben gemessen wird. Nicht selten wird derjenige, der sich in der Stunde höchster Not am geschicktesten aus der Affäre zieht und seine eigene Haut rettet, von seinen Kollegen gefeiert und von den Opfern seines Handelns mit Millionen schweren Abfindungen belohnt. Gemeint sind etwa die Vorstandsvorsitzenden großer Banken und Konzerne, die sich selbst gern mit Kapitänen großer Schiffe vergleichen.
Oder was ist mit den Politikern, die fahrlässig sogar ganze Staaten finanziell ruinieren und damit die Existenzgrundlage ganzer Völker riskieren? Machen sie sich keines Vergehens schuldig? Sind sie bessere Menschen als Francesco Schettino, dem die italienische Justiz zu Recht den Prozess machen wird? Vielleicht wird sich der Kapitän eines Tages fragen, wie viel anders es ihm ergangen wäre, hätte er als Manager eine Reederei versenkt oder wäre als Politiker in der Halbwelt eines Silvio Berlusconi eingetaucht. Ausgerechnet in der Stunde seiner größten Niederlage hätte Schettino nicht nur ungeniert seine eigene Haut retten können, sondern wäre vermutlich ein noch reicherer Mann als vorher geworden. Er genösse weiterhin Respekt und Ansehen, statt im Gefängnis zu sitzen und moralisch und strafrechtlich verurteilt zu werden.
Um hier gar nicht erst einen falschen Eindruck entstehen zu lassen: Es macht zweifellos einen gravierenden Unterschied, ob jemand für den Tod von Menschen verantwortlich ist oder ob er ein Unternehmen in die Insolvenz führt. Es geht hier nicht darum, die Verantwortung für den Tod mit dem von Missmanagement gleichzusetzen.

Es geht darum, dass der Fall Francesco Schettino geradezu exemplarisch eine Schizophrenie in der Bewertung von Führungsverantwortung offenbart. Hier wird ein offensichtlich charakterlich ungeeigneten Kapitän moralisch und nach den Gesetzen der Seefahrt dafür verurteilt, dass er von Bord ging und seine Manschaft und die ihm anvertrauten Passagiere ihrem Schicksal überließ. Ihm würde nämlich auch dann der Prozess gemacht, hätte seine Flucht aus der Verantwortung keine Menschenleben gefordert. Das hat er, weiß Gott, verdient.

Diese Anklage aber steht in krassem Gegensatz zur Folgenlosigkeit eines vergleichbaren Verhaltens von Politikern und Managern, die ihrer Führungsverantwortung nicht gerecht werden und ihren Pflichten nicht nachkommen. Während die Seefahrt an ihrem Kapitäns-Ethos von Pflichterfüllung, Treue und Verantwortung festhielt, sind in Politik und Wirtschaft nahezu alle moralischen Schranken gefallen. Uns ist das Korrektiv abhanden gekommen, dass denjenigen, der Mist baut, dafür zur Verantwortung zieht – notfalls auch strafrechtlich. Ein solches Korrektiv aber ist für ein funktionierendes System unverzichtbar.

Günther Lachmann am 17. Januar 2012

 

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Über Günther Lachmann

Günther Lachmann ist Journalist, Autor und strategischer Berater der Thüringer AfD-Fraktion. In seinen Beiträgen befasst er sich unter anderem mit dem Wandel des demokratischen Kapitalismus. Er veröffentlichte mehrere Bücher, zuletzt gemeinsam mit Ralf Georg Reuth die Biografie über Angela Merkels Zeit in der DDR: "Das erste Leben der Angela M." Kontakt: Webseite | Twitter | Weitere Artikel