Deutsche Bank warnt intern vor Wirtschaftseinbruch wie nach Lehman-Pleite

Hier geht's zum Papier der Deutschen BankWer wissen will, wie die Banker über die Politik und die Krise denken, der sollte mal einen Blick in dieses aufschlussreiche Papier der Deutschen Bank werfen. Es ist auf den 25. November 2011 datiert und trägt den Titel „Focus Europe – 2012: Eine tiefere Rezession“. Dieser von einem „Special Research Team“ zusammengeschriebene Report beginnt mit den Worten: „Das Versagen der EU-Regierungen eine Lösung für die Schuldenkrise zu finden, bedeutet, dass die Abwärtsrisiken sich materialisieren.“ Das ist ein Satz, der es in sich hat – und zwar in mehrfacher Hinsicht.

Erstens sprechen die Banker offen vom Versagen der Politik. Ist das zu fassen? Dabei haben sie doch immer mit am Tisch gesessen, wenn Angela Merkel und Nicolas Sarkozy zum Krisengipfel luden. Und nun behaupten sie, dass alles, was ihre Vertreter sich gemeinsam mit Merkel und Sarkozy in den vergangenen Monaten und Jahren zusammengegipfelt haben, für die Katz’ war.

Zweiten ziehen sie daraus den Schluss, nun komme es erst richtig dicke. Damit allerdings liegen die Spezialisten der Deutschen Bank durchaus auf einer Linie mit der OECD, die „verheerende“ Folgen der Schuldenkrise befürchtet. Denn wenn sich „Abwärtsrisiken materialisieren“, wie die Banker es formulieren, heißt das nicht anderes, als dass die Krise nun zu wirtschaftlichen Einbußen für die Bürger Europas führen wird.

So etwas sagen die Bank-Analysten nicht einfach so dahin. Sie unterlegen ihre Aussagen mit harten Zahlen. Danach wird die Wirtschaft der Eurozone im kommenden Jahr nicht nur stagnieren, was schon schlimm genug wäre. Sie wird sogar schrumpfen, und zwar genau wie durch die Folgen der weltweiten Finanzkrise des Jahres 2008!

„Wir reduzieren unsere Wachstumsprognose für 2012 von +0,4 Prozent auf -0,5 Prozent“, schreibt die Deutsche Bank. Deutschland schneidet bei ihrer Prognose mit einem -0,0-Wachstum noch am besten ab. In Frankreich wird die Wirtschaft demnach um -0,3 Prozent schrumpfen, in Italien um -1,1 Prozent, in Portugal um -2,9 Prozent und in Griechenland um -3 Prozent. Damit würde die europäische Wirtschaft von der zweiten ernsthaften Rezession in nur wenigen Jahren heimgesucht.

Und warum? „Das stetige Weiterschrauben an Sparmaßnahmen in den größeren Mitgliedstaaten bei einer sich gleichzeitig verschlechternden Kreditversorgung in einem von Krediten abhängigen Wirtschaftssystem und sinkendem Vertrauen weisen alle auf ein Nachlassen der wirtschaftlichen Aktivität in den nächsten Quartalen hin“, begründen die Analysten ihren düsteren Ausblick.

Ausriss aus dem DB-Papier

Ausriss aus dem DB-Papier

Aber für Banker kann die Lage offenbar nie so finster sein, dass sie ihr nicht doch auch noch etwas Positives abgewännen. Bei ihnen klingt das so: „Die gute Nachricht ist: Je schlechter die Konjunkturaussichten werden, desto wahrscheinlicher wird die EZB weitere aggressive Schritte unternehmen (…).“

Und woran denken die Banker dabei? Zum einen soll die Europäische Zentralbank (EZB) den Geldfluss in der Eurozone aufrecht erhalten, zum anderen soll sie Staatsanleihen all jener EU-Mitgliedsländer kaufen, die kein privater Investor – also auch Banken – mehr kaufen wollen. Nach Ansicht der Deutschen Bank verstieße die EZB damit nicht gegen gesetzliche Vorgaben. „Größere Interventionen am Rentenmarkt stehen unter diesen Bedingungen im Einklang mit Artikel 123“, heißt es sinngemäß in dem Report.

Die EZB soll also die Notenpresse anwerfen. Gleichzeitig pochen die Banker auf eine Änderung der EU-Verträge, sprich auf ein engeres politisches Zusammenwachsen Europas. Wenn die von Merkel und Sarkozy geplanten Vertragsänderungen mit „glaubwürdigen nationalen steuerlichen und wirtschaftlichen Anpassungen“ kombiniert würden, könne der verstärkte Anleihenkauf durch die EZB „eine Finanzierungs-Brücke“ bilden, bis das Vertrauen in den Euro wieder hergestellt sei.

Zu guter Letzt fordern die Banker konkrete Beschlüsse des für den 9. Dezember geplanten Treffens der EU-Regierungschefs ein. „Wir haben die  Tagung des Europäischen Rates am 9. Dezember als wichtiges Datum für einen Strategie-Wechsel der EZB erkannt“, schreiben sie. Dann müssten die EU-Regierungschefs ihre Absicht und ihre „Ehrgeiz“ beweisen, die Euro-Zone stärker integrieren und den EU-Vertrag entsprechend ändern zu wollen. „Vor dem 9. Dezember bekommen wir ein deutsch-französisches Positionspapier zur Änderung des Vertrags mit Einzelheiten, die die EU-Finanzminister am 29. und 30. November besprechen“, wissen die Bank-Analysten schon heute. Sollten die Banken also gegebenenfalls noch Einsprüche haben und Einfluss auf die Entscheidungen der Regierungschefs nehmen wollen, werden sie sich rechtzeitig vorbereiten können.

„Wir erwarten eine Kombination aus einem aggressiveren EZB-Ankauf von Staatsanleihen und einer Interventionsstrategie bei längerfristigen Bank-Refinanzierungsgeschäften“, schreiben die Banker. Sollten die Politiker und die EZB die Ratschläge der Banker nicht beherzigen, dann werde es wohl zu Beginn des kommenden Jahres, wo zahlreiche Staaten neues Geld bräuchten, zu einem weitern Crash auf dem Markt für Staatsanleihen kommen.

Günther Lachmann am 30. November für Welt Online

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Über Günther Lachmann

Günther Lachmann ist Journalist, Autor und strategischer Berater der Thüringer AfD-Fraktion. In seinen Beiträgen befasst er sich unter anderem mit dem Wandel des demokratischen Kapitalismus. Er veröffentlichte mehrere Bücher, zuletzt gemeinsam mit Ralf Georg Reuth die Biografie über Angela Merkels Zeit in der DDR: "Das erste Leben der Angela M." Kontakt: Webseite | Twitter | Weitere Artikel