Wer die Wirtschaft verliert, verliert Europa

Hier geht's zur Startseite des BMWISolche Meldungen gehen dieser Tage leicht unter. Dabei sagen sie mehr über den Zustand der Eurozone aus als jeder Gipfel der Staats- und Regierungschefs oder das ganze Talkshow-Gerede über die angebliche Euro-Rettung. Es geht zum einen um die Auftragslage der Industrie, zum anderen um die Einkommen. Und wer da mal genau hinschaut, der wird bald auch die Krisenpolitik der Staats- und Regierungschefs mit anderen Augen sehen.

Bereits seit drei Monaten gehen die Aufträge der deutschen Industrie zurück. Zuletzt sanken sie im September um 4,3 Prozent, im August waren sie um 1,4 Prozent zurückgegangen . Es mangelt vor allem an Großaufträgen, die langfristig Beschäftigung sichern. Das heißt, wenn die derzeitigen Auftragsbestände abgearbeitet sind, bekommt die Industrie ein Beschäftigungsproblem.

Besonders aufmerksam aber sollte man die Auftragsentwicklung aus der Eurozone betrachten. Die gingen um sage und schreibe 12,1 Prozent zurück. Und warum? Zum einen, weil die angeschlagenen Euroländer auf Anweisung von Bundeskanzlerin Angela Merkel und Frankreichs Staatspräsident Nicholas Sarkozy drakonische Sparprogramme auflegen. Zum anderen müssen sie den Finanzmärkten immer höhere Zinsen zahlen, jeder Einkauf, jede Investition ist heute um ein Vielfaches teurer als noch vor einem Jahr.

Wenn also griechische, portugiesische oder spanische Unternehmen und Konsumenten sich deutsche Produkte nicht mehr leisten können, müssen sie entweder auf preiswertere Angebote ausweichen oder ganz auf den Kauf verzichten. Augenblicklich scheint der Verzicht die realistischste Variante zu sein.

Als erstes großes deutsches Unternehmen gesteht Opel die Folgen der Krise auf die Realwirtschaft ein. Wegen „schwächelnder Märkte“ in Frankreich, Spanien und Italien geht der Absatz zurück. Im spanischen Opelwerk Saragossa wird bereits kurzgearbeitet, im Eisenacher Werk werden bis Anfang kommenden Jahres „einige Schichten“ ausfallen, sagte Opel-Chef Karl-Friedrich Stracke.

Die New Yorker Investmentbank Goldman Sachs prophezeit in einer aktuellen Analyse der der Eurozone bereits eine Rezession in diesem und im nächsten Quartal. Der als Wendepunkt und mit allerlei Hoffnungen verbundene G-20-Krisen-Gipfel in Cannes, sei weit hinter den Erwartungen zurückgeblieben. Es gab nur Ankündigungen, und davon auch nur wenige.

In dieser Phase wäre es gut, könnte sich die deutsche Wirtschaft wenigstens auf die Inlandsnachfrage verlassen. Aber auch die bricht weg, die Aufträge gingen um drei Prozent zurück.

Gleichzeitig sinken die Realkommen der Arbeitnehmer und damit die Kaufkraft der Konsumenten weiter. In Deutschland ist dies eine seit Jahren anhaltende Tendenz. Das monatliche Realeinkommen eines Arbeitnehmers sei zwischen 2008 und 2010 im Gegensatz zum deutlichen Wirtschaftswachstum um 1,5 Prozent, seit 2005 sogar um sieben Prozent gesunken, meldete das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung am Wochenende.

Für die Eurozone heißt das: Durch Sparprogramme, hohe Zinsen und sinkende Einkommen geht die Wirtschaft in die Knie. Das ist ein dramatischer Vorgang. Schon heute ist in Griechenland, Spanien, Italien und anderen Ländern fast eine ganze Generation junger Menschen unter 25 Jahren ohne Arbeit. Ihre Perspektiven verdunkeln sich durch die aktuelle Entwicklung weiter.

Zweitens wird der heute lautstark eingeforderte Schuldenabbau unmöglich. Denn wie wollen die Staaten ihre Schulden abbauen, wenn mit einer Rezession auch noch die Steuereinnahmen wegbrechen? Diese Politik muss scheitern.

Nur eine florierende Wirtschaft kann einen Staat finanzieren, sie gibt seinen Bürgern Arbeit, sichert deren Einkommen und soziale Sicherheit. Keine Bank der Welt ist dazu in der Lage!  Deshalb sollte endlich auch Schluss sein mit dem Gerede, es seien die Banken, die Staaten finanzierten, weshalb die Politik auf sie Rücksicht nehmen müsse. Unsinn! Niemals wird eine Bank einen Staat retten. Aber Staaten mussten schon unzählige Banken retten.

Banken vergeben Kredite, mehr nicht. Und sie vergeben sie nur an jene Staaten, die sie dank einer starken Wirtschaft auch zurückzahlen können.

Wer also die Eurozone retten will, der sollte ihr die drohende Rezession ersparen, statt sie hinzutreiben.

Günther Lachmann am 7. November 2011

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Über Günther Lachmann

Günther Lachmann ist Journalist, Autor und strategischer Berater der Thüringer AfD-Fraktion. In seinen Beiträgen befasst er sich unter anderem mit dem Wandel des demokratischen Kapitalismus. Er veröffentlichte mehrere Bücher, zuletzt gemeinsam mit Ralf Georg Reuth die Biografie über Angela Merkels Zeit in der DDR: "Das erste Leben der Angela M." Kontakt: Webseite | Twitter | Weitere Artikel