Pofalla offenbart Hilflosigkeit und Überforderung der gesamten Regierung

Hier geht's zum Beitrag auf Welt OnlineDer Leiter des Bundeskanzleramtes, Ronald Pofalla, hat den CDU-Abgeordneten Wolfgang Bosbach aufs Übelste beleidigt. Pofalla verletzte die Ehre eines Mannes, der sich in 15 Jahren Parlamentsarbeit große Verdienste um die CDU erworben hat und nun zum ersten Mal in seiner politischen Karriere gegen die Fraktionslinie abstimmen wollte. Die Worte, die er Bosbach nach einer Probeabstimmung in der nordrhein-westfälischen CDU-Landesgruppe an den Kopf warf, offenbaren einen tiefen Hass auf einen Abgeordneten, der sich in vielen, oft schweren Stunden des Grübelns und Nachforschens eine eigene Meinung zur europäischen Schuldenkrise gebildet hatte und von dieser nun nicht mehr lassen mochte.

„Ich kann deine Fresse nicht mehr sehen“, soll Pofalla gesagt haben. „Du machst mit Deiner Scheiße alle Leute verrückt“.

Solche Entgleisungen lassen womöglich Rückschlüsse auf den Charakter eines Menschen zu.  In jedem Fall aber gibt es etwas, das sie auslöst. Worin also könnte die Ursache für diese  eines Kanzleramtschefs mehr als unwürdigen Äußerungen liegen?

Nun, sie könnten Ausdruck einer geradezu beängstigenden Hilf- und Ratlosigkeit sein und damit das Ventil einer grenzenlosen Überforderung. Es wäre nicht das erste Mal, dass ein überforderter Mensch aggressiv würde. Und gerade dieser Aspekt muss einem angst und bange machen, denn schließlich geht es hier nicht um irgendwen, sondern um den Leiter des Bundeskanzleramtes, den Mann also, der für Bundeskanzlerin Angela Merkel die Politik der Bundesregierung koordiniert. Dazu gehört in diesen Tagen vor allem das Management der europäischen Schuldenkrise. Ronald Pofalla verlor die Kontrolle über sich selbst und damit über seine Worte, weil es an diesem Abend um eben jene Krise ging.

Es ist leicht vorstellbar, unter welchem Druck er und die Kanzlerin in den vergangenen Tagen und Wochen standen und vermutlich immer noch stehen. Hier die mächtigen Kapitalmärkte, die von den Regierungen gegen weitere Milliardenzahlungen den Fortbestand des Euroraumes erpressen, dort die US-Regierung mit einem zunehmend nervöser werden Präsidenten Barack Obama, der die Euro-Länder für die abstürzende Weltwirtschaft verantwortlich macht.

Hier die deutschen Wähler, die sich in Umfragen mit großer Mehrheit gegen weitere Milliardenhilfen aussprechen, dort jene, die mit Hilfe des Bundesverfassungsgerichts der Politik der Bundesregierung den Garaus machen wollten.

Und dann tauchen plötzlich jene wie Wolfgang Bosbach auf, eigene Leute, Urgesteine der rheinischen Christdemokratie, die nun dem vielstimmigen Protest gegen diese Politik, Schulden mit noch mehr Schulden zu bekämpfen, ein prominentes, sympathisches Gesicht geben. Die sinngemäß immer wieder sagen: „Was ihr da macht, ist falsch. Wir verkaufen Europa. Hört endlich auf damit! Macht Schluss mit dem Wahnsinn!“

Ausgerechnet einer wie Wolfgang Bosbach, einer der härtesten Innenpolitiker, einer, auf den immer Verlass war, der trotz Krebserkrankung und Herzleiden nicht einmal am Wochenende wirklich frei machte, schürte nun das, was draußen keiner sehen sollte: die tiefe Furcht Pofallas und Merkels vor dem Scheitern. Deshalb wohl konnte Pofalla einfach nicht mehr an sich halten.

Günther Lachmann am 3. Oktober 2011 für Welt Online

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Über Günther Lachmann

Günther Lachmann ist Journalist, Autor und strategischer Berater der Thüringer AfD-Fraktion. In seinen Beiträgen befasst er sich unter anderem mit dem Wandel des demokratischen Kapitalismus. Er veröffentlichte mehrere Bücher, zuletzt gemeinsam mit Ralf Georg Reuth die Biografie über Angela Merkels Zeit in der DDR: "Das erste Leben der Angela M." Kontakt: Webseite | Twitter | Weitere Artikel